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Der Social Progress Index (SPI) präsentiert sich seit 2014 als neo-liberale Antwort auf die Defizite des BIP. Initiator und Träger des Index ist die US-NPO Social Progress Imperative, die personell und über ein Social Progress Network gut mit Institutionen wie dem WEF, dem Economist sowie US- und lateinamerikanischen Stiftungen vernetzt ist, die gesellschaftlichen Fortschritt in engen Zusammenhang mit freien Märkten und gesellschaftlichem Unternehmertum und dessen Förderung stellen.

 

Selbstverständnis und Motivation

Der SPI soll einer "gemeinsamen Sprache" für gesellschaftlichen Fortschritt Ausdruck verleihen, die universell verständlich und anwendbar sein soll: weltweit und auf unterschiedlichen Ebenen, vom Staat bis zum Ortsteil -- oder, wie in einem konkreten Projekt, in Amazonas-Dörfern. Er steht als Kennzahl gesellschaftlichen Fortschritts programmatisch für "the capacity of a society to meet the basic human needs of its citizens, establish the building blocks that allow citizens and communities to enhance and sustain the quality of their lives, and create the conditions for all individuals to reach their full potential."[1]

 

Methodik

Der SPI beruht auf vier "design principles": Erstens werden ausschließlich soziale und ökologische Kennzahlen verwendet, d. h. gesellschaftlicher Fortschritt soll unmittelbar, nicht über ökonomische Proxies (wie bspw. das BIP) gemessen werden und so auch erst die systematische Analyse der vielschichtigen Zusammenhänge mit ökonomischer Entwicklung erlauben. Zweitens werden Ergebnisse ("Outputs") statt Aufwände ("Inputs") gemessen, d. h. unmittelbar lebenesrelevante Größen statt hypothetische Berechnungen. Drittens wird gesellschaftlicher Fortschritt "holistisch" und dem Anspruch nach für arme wie reiche Lände gleichermaßen relevant konzipiert. Viertens soll das Gemessene auch politisch wirksam ("actionable") werden und Akteure auf unterschiedlichen Ebenen unmittelbar praktisch unterstützen.

Der Index besteht konkret aus drei Dimensionen oder Grundfragen gesellschaftlichen Fortschritts, die wiederum durch 12 Bestandteile ("components") und & 52 trennscharfe Indikatoren ("distinct indicators") näher bestimmt werden sollen:

1) Befriedigt ein Land die Grundbedürfnisse seiner Bevölkerung? ("basic human needs")

2) Können Menschen ihre Lebensqualität erhalten & verbessern? ("foundations of wellbeing")

3) Können Menschen ihr Potenzial ausschöpfen? ("opportunity")

Die gewählten Indikatoren werden lt. SPI überall und jederzeit einheitlich von derselben Organisation erhoben und ausgewertet, sind ausreichend intern valide und regional verfügbar. Der aggregierte SPI score entspricht einem linear skalar normalisierten Index mit Punktwerten von 0 bis 100. Die Skala wird durch die jeweils besten & schlechtesten Werte seit 2004 standardisiert. Der Ergebniswert ergibt sich als einfacher Mittelwert der drei Dimensionen, jeder dieser Teilwerte wiederum entspricht dem einfachen Mittelwert der vier Komponenten. Jede der 12 Komponenten wird also gleich gewichtet. Die Einzelindikatoren allerdings werden mittels Faktorenanalyse gewichtet und möglichst trennscharf in die Komponenten übersetzt.

 

Aussagekraft

Der SPI geht von einer dreidimensionalen Vorstellung gesellschaftlichen Fortschritts aus, die seit 2012 in einem Multi-Stakeholder-Prozess entwickelt wurde. Zugang zum Lebensnotwendigen, zu Lebensqualität und Lebenschancen werden gleich gewichtet. Die Zuordnung der Komponenten und Indikatoren scheint indes mitunter fragwürdig. Der SPI enthält auch bewusst keine i.e.S. ökonomischen Indikatoren, und lediglich eine Komponente mit drei Indikatoren widmet sich dem Thema ökologische Nachhaltigkeit. Dafür erfasst der SPI ein breites Spektrum an sozialen und auch politischen Aspekten gesellschaftlichen Fortschritts. Er beinhaltet auch einen subjektiven Indikator, nämlich zur insgesamt wahrgenommenen Lebenszufriedenheit aus der "Gallup World Poll".

Von der Auswahl der Indikatoren und der Datenquellen hat der SPI einige Ähnlichkeit mit dem LPI - Legatum Prosperity Index -- und die jeweiligen Länderrankings auf Basis der aggregierten Werte unterscheiden sich dementsprechend nur unwesentlich. Aussagekräftiger wären jeweils die Teilauswertungen der unterschiedlichen Dimensionen oder Komponenten -- hier macht sich aber speziell beim SPI die teils recht fragwürdige Zuordnung der Indikatoren zu den Komponenten bemerkbar und mindert wiederum deren Aussagekraft.

Insgesamt stellt sich -- wie auch beim LPI -- die Frage, was mit solchen zusammengesetzten Indizes, trotz der dargebotenen Fülle an sich aussagekräftiger und relevanter Indikatoren, letztlich gewonnen ist: Die erhobenen Sachverhalte sind unmittelbar politisch kaum steuerbar -- und häufig ist damit auch gar keine politische Forderung verbunden. Die aggregierten Indizes korrelieren jeweils recht stark mit dem Wohlstand, wie er konventionell durchs BIP/Kopf gemessen wird -- auch wenn sie die Größe als Proxy ersetzen und (wie im SPI) nicht keinerlei ökonomische Größen erheben wollen. Die Verfahren zur Normierung, Gewichtung und Aggregation der Daten sind zwar jeweils theoretisch und methodologisch begründet, lassen aber keine verbindliche, geschweige denn demokratisch legitimierte Aussage über gesellschaftliche Zielsetzungen zu. Wenn subjektive Indikatoren vorkommen, so bilden diese jeweils nur die relative Zufriedenheit mit Aspekten der Gesellschaft oder des eigenen Lebens ab -- nicht die Bedeutung dieser Aspekte bzw. Vorstellungen davon, was ein gutes Leben und eine gute Gesellschaft ausmacht.

Vor allem aber verschleiern synthetische Indizes wie der SPI, der LPI oder auch der BLI - Better Life Index -- insbesondere durch die Präsentation der Daten in Länderrankings -- den Umstand, dass das jeweilige Ausmaß an gesellschaftlichem Fortschritt oder Prosperität in einer globalisierten Welt eben nicht allein "im Inland" erwirtschaftet wird, sondern in hohem Maße anderswo bzw. auf Kosten anderer Länder und zukünftiger Generationen. Die SDG - Sustainable Development Goals versuchen zumindest, mit ihrem Fokus auf internationale Beziehungen und der politischen Forderung nach Entwicklungspartnerschaft diesen meist unterschlagenen Zusammenhang auf der Tagesordnung zu halten -- und nachhaltige Entwicklung (oder gesellschaftlichen Fortschritt, Prosperität und ein gutes Leben) damit als politische Kernproblematik zu deklarieren, nicht als Frage gesellschaftlichen Unternehmertums oder forcierter Globalisierung. Aus all diesen Gründen erscheint die Einführung dieser "Länder-Labels" -- analog dem "Gütesiegeldschungel" für nachhaltige Produktqualitäten -- , welche durch private Indizes und dazugehörige Rankings forciert werden, eher kontraproduktiv.

Gerade wenn es um politische Fragen wie gesellschaftlichen Fortschritt usw. geht, müsste doch die Zielsetzung auch eine gewisse demokratische Legitimität und Verbindlichkeit haben -- und diese fehlt hier aber völlig. Obwohl dezidiert kein "ökonomischer" Indikator vorkommt, wird gesellschaftlicher Fortschritt damit erst recht zu einer rein ökonomischen Angelegenheit -- für Markt und Unternehmen. Die Bedeutung des BIP wird -- in den Worten Jean Baudrillards -- sozusagen dissimuliert. Diese Alternativen tun so, als ob sie das BIP ersetzen würden. In Wirklichkeit leisten sie einer libertären Sicht der Lösung gesellschaftlicher Probleme Vorschub, die Politik und Zivilgesellschaft durch Markt und UnternehmerInnentum ersetzen möchte.

Insofern sind Indizes wie der SPI zwar vordergründig nett -- sie machen die Debatte bunter, sie schaffen Bewusstsein für die Problematik des BIP. Die entscheidende Frage bleibt indes, was mit dem gesammelten Wissen passieren soll -- bei SPI und LPI sind die gemessenen Konstrukte trotz methodologisch ausgereifter Tools und perfekter Aufbereitung als Infographiken derart fragwürdig, dass sie auch politisch äußerst fragwürdig sind.

 

Praxis

Kurz nach seiner Veröffentlichung 2014 hat der SPI -- dank der guten Vernetzung mit wirtschaftsliberalen Institutionen, Think Tanks & Foundations -- schon recht schnell Verbreitung und erste Anwendung gefunden: Vor allem in Lateinamerika, wo der SPI in brasilianischen Amazonas-Dörfern, von Konzernen wie McDonald's bei konzernfreundlichen "Entwicklungsprojekten", und bei den Regierungen von Paraguay und Kolumbien als Ergänzung zum BIP ebenso auf interesse gestoßen ist wie beim US-Bundesstaat Michigan und der Europäischen Kommission. Letztere greift damit -- nach erfolgreicher Beratung durch Michael Porter bei ihrer CSR-Strategie -- wiederum ein unternehmerInnenfreundliches, neoliberales (von Michael Porter patroniertes) Konzept auf, um ihrer etwas angegrauten Initiative "Beyond GDP" einen neuen Anstrich zu verpassen. Viel wird man sich davon nicht versprechen dürfen -- hoffentlich.

 

Plus/Minus

+

-

 

Quellen

[1] Social Progress Index >> OFFIZIELLE WEBSITE

Kategorie: BIP. Kritik & Alternativen
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