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Regiogelder
Regiogeld erhält aufgrund der regionalen Bindung im jeweiligen Verbreitungssystem die Kaufkraft dort, wo die Produkte und Dienstleistungen entstehen. Positive Nebeneffekte sind, dass durch kürzere Transportwege die Umwelt entlastet wird, Wertschöpfungsketten verkürzt und die Kapitalbindung der Unternehmen verringert werden. Die Stärkung der Region steht bei Regionalwährungen ebenso im Vordergrund wie die Verbesserung der Transparenz bezüglich der Preisbildung. Das Bewusstsein der Menschen für die regionale Ökonomie und ihren Wert wird durch Regiogeld gefördert und gestärkt.  

Ausgangslage, Entwicklung und aktueller Stand

Ein Ansatz zur nachhaltigen Transformation des Geldsystems sind die vielerorts bereits etablierten Regionalwährungen. In Österreich gibt es derzeit sechs Regionalwährungen, in der Steiermark mit Erzi, Zeller, Einkaufsgold, Ausseer Taler, Judenburger Gulden und Sass-Taler zudem einige lokale Währungen.[1] Die Idee hinter den verschiedenen Regionalwährungen ist immer dieselbe: Regionale Wirtschaftsstrukturen sollen gestärkt und die Wertschöpfung in der Region gehalten werden. Auch wenn der Effekt von Regionalwährungen immer der gleiche ist, gibt es dennoch Unterschiede. Sie sind entweder durch den Euro hinterlegt oder durch Leistungen und Waren gedeckt. Einige Regionalgelder wurden durch die Zivilgesellschaft ins Leben gerufen, andere durch die Kommunalpolitik. So gesehen gibt es vier Arten von Regionalwährungen.[2, 3]

Das erfolgreichste Regiogeld Europas, am Umsatz gemessen, ist der Chiemgauer. Bei rund 600 Unternehmen der Region können die Kunden mit dem Chiemgauer bezahlen, jährlich werden etwa 5 Millionen Chiemgauer ausgegeben.[1] Der regionale Einkauf stärkt insbesondere die kleineren Geschäfte vor Ort, kurbelt die regionale Wirtschaft an und bringt zusätzliches Geld in die Kassen von Vereinen und Einrichtungen mit sozialen Zielen. Viele Regionalwährungen haben einen so genannten Umlaufimpuls (auch Umlaufsicherung) eingebaut, das heißt, das Geld verliert an Wert. Der Chiemgauer beispielsweise verliert jährlich 6% an Wert, der Waldviertler 8%, was dazu führt, dass er ausgegeben und nicht gehortet wird.[1] Dies sorgt dafür, dass das Regiogeld schneller im Kreis umläuft und so die Geschäftstätigkeit in der Region fördert und regionalen Wohlstand schafft. Auch verhindert dies spekulative Absichten, die mit Geld gerne verbunden werden. Weil eine solche Schwundwährung permanent an Wert verliert, kann man, wenn man sie verleiht, keine Zinsen verlangen. Die Umlaufimpulse kommen gemeinnützigen Vereinen und sozialen Projekten zu Gute.[2, 3]

Ein Meilenstein der Geschichte des Regiogeldes ist das Wörgler Geldexperiment, das zeigt, wie eine Region durch seine eigene Währung eine Wirtschaftskrise löst. So beschloss der Bürgermeister der Stadt im Inntal während der Großen Depression und unter dem Eindruck leerer Kommunenkassen im Sommer 1932, Arbeitswertscheine als Lohn für die von der Gemeinde Angestellten auszugeben, während deren Schillinge auf der Bank ruhten. Das Wörgler Freigeld verlor jeden Monat 1% des Nennwertes, um die Bürger zum Ausgeben zu bewegen und damit die Region durch Konsum wieder zu beleben. Die lokalen Unternehmer erklärten sich bereit, den Wörgl als Zahlungsmittel anzunehmen, wodurch sich der Wirtschaftskreislauf erholte. Dies führte neben einer beachtlichen Abnahme der Arbeitslosenquote auch dazu, dass sich zahlreiche Gemeinden in Österreich ein Beispiel an Wörgl nahmen und ebenso entsprechendes Regiogeld einführten. Selbst international fand der Wörgl Beachtung. Letztendlich war es die Österreichische Nationalbank, die im Herbst des Jahres 1933 das Experiment unter Gewaltandrohung stoppen ließ mit der Begründung, dass nur sie das Monopol auf die Herausgabe von Zahlungsmitteln habe.[3]
 

Positive Effekte im Hinblick auf die Aspekte einer regionalen Resilienz

Re-Regionalisierung

Das Regiogeld hat sich mittlerweile als nachhaltige und wertschöpfende Alternative zur regionalen Bindung der Kaufkraft in vielen Regionen Europas etabliert. Dabei stehen regionale Bindung und europaweite Verbreitung in keinerlei Kontrast zueinander. Sie existieren nebeneinander und stärken jeweils ihre Region. Regiogeld als sozial verankertes Geldsystem fördert und erhält aufgrund der Begrenzung im jeweiligen Verbreitungssystem die Kaufkraft dort, wo die Produkte und Dienstleistungen entstehen.[2, 3] Diese Begrenzung und Bindung an die Region ist eine Abkehr vom expansiven Modernisierungspfad, weil wachsende globale Güterströme und Wertschöpfungsketten re-regionalisiert und limitiert werden. Kaufkraft, die zuvor für eine wachsende Zahl günstiger Importgüter aus Übersee verwendet wurde, wird in Teilen wieder auf Güter gelenkt, die regional erbracht werden können, auch wenn sie gegenüber der Konkurrenz aus Übersee teurer sein mögen. Dies entspricht dem Prinzip der Subsidiarität. Wenn die Einführung einer Regionalwährung dazu führt, dass Kaufkraft, die zuvor anderweitig verwendet wurde, an die Region gebunden wird, können Arbeitsplätze vor Ort erhalten werden.
 

Abkehr vom expansiven Modernisierungspfad, Vielfalt und Regionalbewusstsein

Befürworter von Regionalwährungen weisen zudem auf folgenden Zusammenhang hin [4]: Durch den Wegfall des Zinses, der bei Regionalwährungen obligatorisch ist, wird der Wachstumszwang von den Unternehmen genommen, so dass sie langsam und organisch wachsen können. Nicholas Gregory Mankiw, der als einflussreichster Ökonom in den USA gilt, äußerte nach der Finanzkrise, die im Jahre 2008 begann, dass das Zinssystem für alle Wirtschaftskrisen der letzten Jahre verantwortlich sei und schlug deshalb vor, eine Schwundwährung einzuführen.[5] Der Chefvolkswirt der Credit Suisse schlug kurze Zeit darauf vor, den Chiemgauer als Vorbild für eine Neustrukturierung des europäischen Geldsystems zu nehmen. Zahlreiche Kritiker des gegenwärtigen Geldsystems halten die »Monokultur des Geldes« für einen Grund der Instabilität des Geldsystems. Regionalwährungen führen zu einer Vielfalt im Geldsystem und damit zu mehr Stabilität im Finanzsektor. Regionen, die eine eigene Regionalwährung haben, werden insbesondere während Wirtschaftskrisen stabiler sein als andere Regionen, weil sie nicht auf eine Währung angewiesen sind. Abhängigkeiten werden verringert und mit einer zweiten Währung Redundanz und Vielfalt geschaffen. Regionalgeld als Ergänzung zum Euro ist eine soziale Innovation, da Geld nichts Abstraktes, sondern eine gesellschaftliche Übereinkunft ist. Die Rückbesinnung auf den Mehrwert von regionalen Erzeugnissen sorgt in der Regel dafür, dass sich zahlreiche Unternehmen und lokale Produzenten den Regionalgeldinitiativen anschließen, auch, um die Beziehung ihrer Unternehmen zu den Verbrauchern zu verbessern. Durch diese Rückbesinnung auf den Wert der Region kann eine lebendige lokale Gemeinschaft mit einer gemeinsamen positiven Vision und einem inklusiven Regionalbewusstsein in einer kleinteiligen regionalen Ökonomie entstehen.[2, 3]
 

Versorgungssicherheit und -souveränität

Versorgungssicherheit und Autarkie können – wie das historische Beispiel Wörgl zeigt – durch Regionalwährungen gestärkt werden. Wenn während Wirtschaftskrisen die Einheitswährung an Wert verliert und die Ökonomie in eine Rezession abrutscht, können regionale Wirtschaftsstrukturen mittels Regionalwährungen aufrechterhalten und belebt werden. Regionalgeld soll Bürgerinnen und Bürger dazu ermutigen, Geld nicht zu sparen, sondern immer wieder in Umlauf zu bringen, um die Wirtschaft damit in Bewegung zu halten. Zudem sind regionale Währungen, die regionale Ökonomien abgrenzen, Sinnbild für Subsidiarität. Straffe Rückkoppelungsschleifen entstehen aufgrund der räumlichen Nähe aller Akteure zwangsläufig innerhalb kleinteiliger, regional begrenzter Ökonomien. Weitere positive Nebeneffekte von Regionalwährungen sind, dass durch kürzere Transportwege die Umwelt entlastet wird, Wertschöpfungsketten verkürzt und die Kapitalbindung der regionalen Unternehmen verringert werden. Die Stärkung der Region sowie die Nutzung endogener Ressourcen steht beim Regionalgeld ebenso im Vordergrund, wie es auch darum geht, die Transparenz bezüglich der Herstellungs- und Vertriebskosten bzw. der Preisbildung zu verbessern.[2, 3] Das Verdienen von Geld, ohne dabei Mehrwert für die Gemeinschaft zu produzieren, wird durch die Transparenz kurzer lokaler Wertschöpfungsketten schwieriger. Es geht vor allem aber auch darum, ein Bewusstsein der Menschen für die Region, in der sie leben, zu stärken, ohne dass man sich abschottet. Ziel ist ein geteiltes, inklusives Regionalbewusstsein mit progressiver Verwurzelung.
 

Erfolgsfaktoren

Das klassische Geldsystem birgt seine Vorteile, wenn es darum geht, Produkte und Leistungen aus anderen Wirtschaftsräumen, die vor Ort nicht erbringbar sind, zu beziehen. Güter, die vor Ort hergestellt und Wohlstand in der Region schaffen können, sollten mittels Regiogeld stets gegenüber Importartikeln vorgezogen werden. Lokale Produkte und Dienstleistungen müssen vor dem globalen Markt geschützt und gestärkt werden. Die Erfolgsfaktoren von Regionalwährungen sollen an zwei Beispielen verdeutlich werden:

Die Vorarlberger Talente, die nicht an den Euro gekoppelt sind, sind seit Mitte der 90er-Jahre im Umlauf und gelten in Fachkreisen als Benchmark für Tauschsysteme in Österreich. Jede Person hat Fähigkeiten und Kenntnisse, die für andere wertvoll und brauchbar sind. Diese können innerhalb des Netzwerks getauscht, geschenkt oder verliehen werden. Um die Sache einfach zu machen, richten sich Talente nach der Zeit, die aufgewendet wird. So entsteht ein wachsender Strom aus Talenten, die in Vorarlberg kursieren. Die Region und seine Menschen verbinden sich zu einer kooperativen Gemeinschaft. Um zu sehen, was angeboten wird und welche Talente im Umlauf sind, kann auf dem Marktplatz nachgesehen werden. Hier kann man ebenso in einem eigenen Inserat seine Talente anbieten. Bei Talente Vorarlberg sind 710 Konten angemeldet, hinter denen etwa 1800 Personen stehen. Der Jahresumsatz beträgt 3 Millionen Talente, 10000 Geschäfte pro Jahr werden abgewickelt. Das entspricht ungefähr 27 Geschäftsvorgängen am Tag mit einem Talentewert von über 8000 Talenten.[6]

Die Langenegger Talente sind ein Beispiel für eine Regionalwährung ohne Eurodeckung, die durch die lokale Politik initiiert wurde. Auch in Langenegg wurde die Währung eingeführt, damit die Leute möglichst viel Geld vor Ort ausgeben und die Nahversorgung im Dorf unterstützen. Fast kein Ort von der Größe Langeneggs hat in Vorarlberg noch einen eigenen Dorfladen. Langenegg hat ein größeres Lebensmittelgeschäft – normalerweise gilt ein solcher Laden erst als rentabel, wenn 8000 Personen im Einzugsgebiet wohnen. Einen signifikanten Teil der Einnahmen macht das Geschäft in Talenten, neun Menschen verdienen in diesem Geschäft ihr Geld. Arbeitsplätze, die es ohne die Langenegger Talente nicht mehr gäbe. Auch die Raiffeisenbank könnte ohne die eigene Währung kaum auf Dauer drei Arbeitsplätze halten, und die örtlichen Handwerker profitieren ebenfalls. Insgesamt 150 Arbeitsplätze wurden in Langenegg durch die gezielte Förderung der regionalen Wirtschaftskreisläufe geschaffen, wodurch der Pendlerverkehr reduziert wurde. Alle Langenegger haben die Möglichkeit ein monatliches Abo für Langenegger Talente zu bestellen. Für die monatliche Bindung erhält der Kunde 5% Rabatt auf die Abosumme. Die Gemeinde hat alle Förderausgaben auf Gutscheine umgestellt. Die Kaufkraft soll im Dorf bleiben und die Betriebe im Dorf unterstützen. Denn es sind die Betriebe, welche über die Kommunalsteuer das Geld zurück in die Gemeindekasse bringen. Vereine werden vom Gemeinderat ebenfalls nur in der Lokalwährung gefördert, deshalb erledigen die Vereinsmitglieder ihre Einkäufe ebenfalls vor Ort. Insgesamt fast 12.000 Euro monatlich tauschen die Langenegger inzwischen in Talente um. Den Langenegger Verkehr zu reduzieren, war auch eines der Ziele der Regionalwährung. Bustickets werden von der Gemeinde subventioniert und Vereine, die für einen gemeinsamen Ausflug öffentliche Verkehrsmittel nutzen, bekommen Zuschüsse in Talenten.[7]

Die beiden Beispiele zeigen, was es braucht, damit Regionalwährungen erfolgreich sein können: Es muss möglichst viele Akteure geben, die sich auf das Regiogeld einlassen. Je mehr Unternehmen, Händler und Kunden die Regionalwährung verwenden, desto größer ist die Wirkung für die regionale Wertschöpfung. Je größer die Vielfalt an angebotenen Leistungen ist, die mit der Regionalwährung bezahlt werden können, desto nahe liegender wird es für die Bürger, die Zweitwährung zu nutzen. Zudem muss es eine gute Infrastruktur geben, die es für alle Beteiligten unkompliziert macht, die Währung zu nutzen. Wenn es gelingt, durch das gemeinsame Tauschmedium eine lebendige Solidargemeinschaft mit einem gemeinsamen Bewusstsein für die Region zu formen, werden Regionalwährungen erfolgreich sein. Wenn die Gemeinden die Förderausgaben oder sogar Teile der Löhne der Gemeindeangestellten auf die Regionalwährung umstellen, wird der Effekt noch vergrößert. Der wichtigste Erfolgsfaktor bei Regionalwährungen ist die Sensibilisierung bzw. die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung. Die Menschen müssen dazu angeregt werden, darüber nachzudenken, wohin ihr Geld fließt und welche Auswirkungen dies hat. Nur wenn der Wert einer lokalen Ökonomie bewusst gemacht wird, werden Regionalwährungen genutzt.

Unterstützungsmöglichkeiten durch die öffentliche Hand

Die gemeinnützige ALLMENDA Genossenschaft in Dornbirn ist ein Dienstleister und bietet Beratung, Umsetzung und Abrechnung von Regionalwährungen an.[8] Die Regionalwährungen werden an die speziellen Bedürfnisse der Regionen angepasst, so dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. Regional- und Lokalpolitiker, die keine Erfahrung mit der Einführung von Regionalwährungen haben, können diesen Dienstleister in Anspruch nehmen, der bei dem Aufbau einer Sekundärwährung beratend zur Seite steht. Die öffentliche Hand sollte möglichst viele Akteure von den Vorteilen einer Regionalwährung überzeugen, denn je größer die Anzahl der Nutzer, desto größer die Wirkung. Es geht also in erster Linie um Bewusstseinsbildung. Je mehr Unternehmen und Kunden die Regionalwährung verwenden, desto größer ist der Anteil an der regionalen Wertschöpfung. Die öffentliche Hand kann die Infrastruktur für die Nutzung der Regionalwährung unterstützen (Tauschbörsen, Ausgabestellen, Konten usw.), damit es für die Akteure möglichst unkompliziert ist, die Währung zu verwenden. Gemeinden können Förderungen (ganz) und Löhne (teilweise) auf die Regionalwährung umstellen, damit die Wirkung und der Anteil an der regionalen Wertschöpfung vergrößert werden.

Quellen

[1] Liste der Regiogelder auf Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Regionalgelder#.C3.96sterreich

[2] Internetportal Regiogeld, https://regionetzwerk.blogspot.co.at

[3] Internetportal Regiogeld – Geschichte und Gegenwart von Regiogeld bzw. Regionalgeld, http://regiogeld.com

[4] Uchatius, Wolfgang (2009), Wir könnten auch anders, in Die Zeit, Nr. 22/2009, S.15-20

[5] Mankiw, Nicholas Gregory (2009), It May Be Time for the Fed to Go Negative, http://www.nytimes.com/2009/04/19/business/economy/19view.html?_r=1

[6] Internetpräsenz der Vorarlberger Talente, http://www.talente.cc

[7] Internetpräsenz der Gemeinde Langenegg, https://www.langenegg.at/rundgang/wirtschaft/langenegger-talente.html

[8] Internetpräsenz der ALLMENDA Social Business eG, http://www.allmenda.com/regionalwaehrungen
Kategorie: regionale Resilienz
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