Drucken

kooperation

Bei den Weizer Schafbauern eGen.mbH handelt es sich um ein mittlerweile auch überregional bekanntes und anerkanntes Beispiel für erfolgreiches regionales UnternehmerInnentum. 2019 wurde die Genossenschaft mit dem Trigos Steiermark (einem Preis für gesellschaftlich verantwortliches Wirtschaften) für „Regionale Wertschaffung“ ausgezeichnet und auch für den österreichischen Trigos-Preis nominiert. Besonders an den Weizer Schafbauern (und -bäuerinnen) ist, wie sie es durch beharrliche Kooperation über viele Jahre geschafft haben, aus dem Auslaufmodell Schaf ein regionales Zukunftsmodell zu machen, das nicht nur in der kleinstrukturierten Land/wirt/schaft des oststeirischen Berg- und Hügellands funktionieren sollte.

Aktuell umfasst die Weizer Schafbauern eGen.mbH knapp 300 Mitgliedsbetriebe, überwiegend im Nebenerwerb, mit einer durchschnittlichen Größe von 20-25 Hektar. Das Schaf ist zwar ein „Universal-Nutztier, weil du alles hast: Es liefert Fleisch, Milch, Wolle“, wie die Obfrau der Genossenschaft, Karina Neuhold, im Interview ihrer Begeisterung für dieses „klasse Viech“ Ausdruck verleiht. Die meisten GenossenschafterInnen haben sich aber entweder auf die Milch- oder Fleischproduktion verlegt. Wolle wird nur vereinzelt gewonnen und weiter verarbeitet – ein besonderes Anliegen der Obfrau, die mit ihrem Unternehmen „Karinas Wollwelt“ und auch innerhalb der Genossenschaft mit viel Liebe und Kreativität dabei ist, der Wolle wieder die Wertschätzung zu verleihen, die sie verdient. Zurzeit deckt der Preis für die Rohwolle aber nicht einmal die Schurkosten – und so konzentrieren sich die meisten entweder auf Milch oder Fleisch. Eine gewisse Spezialisierung ist also unerlässlich. So wie früher, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, als Schafe im oststeirischen Berg- und Hügelland noch allgegenwärtig und wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Selbstversorgung waren – so wie früher geht es nicht mehr.

Dennoch war die Schafhaltung gewissermaßen eine Rückkehr. Mit der sogenannten „Modernisierung“ der Landwirtschaft waren ab den 1950ern die meisten Viehbauern in der Gegend auf Rinder umgestiegen – das Schaf als Universalnutztier musste der Spezialisierung weichen. Die bäuerlichen Betriebe produzierten vermehrt für den Markt, und zugleich gab es für das Schaf praktisch keinen Markt mehr. Wolle – früher einmal, so Neuhold aus Erzählungen, mit Butter oder Honig aufzuwiegen – war mit dem Aufkommen der Synthetikfasern praktisch nichts mehr wert. Das ist auch heute noch so. Schafmilch war entweder in Kleinmengen am Hof verarbeitet oder später an die Molkereien abgeliefert worden. Und Schaffleisch – früher fast ausschließlich Hammel oder „Schöpsernes“ – war immer mehr als minderwertiges „Arme-Leute-Essen“ verpönt. Das hat sich mittlerweile sehr gewandelt.

Die Schafbauern haben an diesem Wandel selbst aktiv mitgewirkt. Angefangen hat das alles schon in den 1970er Jahren, mit dem Schwiegervater der heutigen Obfrau – vielleicht zu der Zeit der einzige verbliebene Schafbauer in der Gegend. Sein Hof war einer der höher gelegenen, die Hänge steil, für Rinder ungeeignet, und von daher hatte er mit der Schafhaltung nie ganz aufgehört. Neuhold bezeichnet ihn heute auch als „Vordenker“, der die ökologischen und ökonomischen Vorteile der Schafhaltung für die Region früh erkannt hatte. In den 1980er Jahren waren es dann schon „etliche Nachbarn“, die zumindest auf ihren Steilflächen Schafe weiden ließen. Das war aber hauptsächlich effizientere Landschaftspflege – eine wirtschaftliche Alternative war das noch lange nicht.

Das erforderte erst den Aufbau eines Markts für das Schaf – praktisch aus dem Nichts. Anfangs waren die meisten Milchbetriebe, die die Milch an die Molkerei lieferten – ohne nennenswerte Wertschöpfung. Dann kam, mangels Absatz, erst die Kontingentierung der Milchmengen und dann überhaupt ein Abnahme-Stopp der Molkerei. „Es war gerade der EU-Beitritt, das große Zusammenlegen und die Nischen sind da ausgeklinkt worden.“ Anstatt aber aufzugeben, gaben diese „Dämpfer“, so Neuhold, den entscheidenden Ausschlag, eine Genossenschaft zu gründen und erst die Produktion, dann erzwungenermaßen auch die Vermarktung selbst in die Hand zu nehmen: „Da haben wir erst geschnallt: Ja, wir müssen uns selber zusammenreißen und schauen, dass wir auf mehreren Füßen stehen.“ Neben dem Handel wurden damals die ersten Kontakte mit Buschenschänken und GastronomInnen in der oststeirischen Almen- und Thermenregion geknüpft, zugleich wurde konsequent am Aufbau des Käsesortiments und der Marke gearbeitet.

Beim Schaffleisch war es noch schwieriger. Noch vor der Gründung der Genossenschaft, Anfang der 1990er Jahre, hatten sich einige Schafbauern zu einer Gesellschaft nach bürgerlichem Recht (GesbR) zusammengeschlossen und gemeinsam einen Grillstand auf der Grazer Messe bespielt. Der Messestand war vom Schaf- und Ziegenzuchtverband gesponsert, und die Gründung der GesbR hatte den einzigen Grund, dass „die Warmhalter, die Griller, die Teller und die ganzen Gastrogeräte, die du brauchst, dass das irgendeine Rechtsform gehabt hat, dass das irgendwem gehört hat.“ Man war zwar froh, dass man dort an die hundert Lämmer – ein „Nebenprodukt“ der Milchschafhaltung – „wertschöpfend anbrachte“. Ein Geschäft war das aber noch lange nicht. Erst einmal ging es darum, Schaffleisch – und zwar ausschließlich Lamm – vom Vorurteil eines zähen Arme-Leute-Essens zu befreien, es kulinarisch um- und aufzuwerten und so langsam in der regionalen Gastronomie unterzubringen. Die Grillerei am Messestand war erst der Anfang.

Über die Jahre war die Genossenschaft in beiden Bereichen – Milch und Fleisch – überaus erfolgreich. Durch beharrliche Kooperation gelang es den GenossenschafterInnen, ausgehend von der Urproduktion eine vollständige Wertschöpfungskette mit dazugehöriger Infrastruktur aufzubauen: Die BäuerInnen nahmen Produktion, Veredelung und Vermarktung selber in die Hand. Sie übernahmen eine Molkerei, beteiligten sich an einem Schlachthof, sie entwickelten Produkte, diversifizierten das Angebot, organisierten sich Abnehmer und schufen über die Direktvermarktung hinaus einen Markt, und sie entwickelten in Zusammenarbeit mit der AMA erste Qualitätskriterien für Schafprodukte. Für ihre eigenen haben sie in den letzten Jahren reihenweise Preise eingeheimst, etwa bei den World Cheese Awards. Deutlich sichtbar wurde die regionale Bedeutung, welche die Schafhaltung mittlerweile wieder erlangt hatte, mit der Gründung der GenussRegion Weizer Berglamm 2007 – kürzlich erweitert zur GenussRegion Weizer Berglamm & Schaf, um auch die Milchveredelung zu würdigen. Die 2019 neu errichtete „gläserne Manufaktur“, eine Schaukäserei mit angeschlossener „Schafmilch-Erlebniswelt“, bildet den vorläufigen Höhepunkt dieser regionalen Erfolgsgeschichte.

Für die GenossenschafterInnen selbst war die regionale Bedeutung der Schafhaltung von Anfang an klar. Die meisten der 300 bäuerlichen Familienbetriebe wirtschaften im Nebenerwerb. „Die haben einen guten Beruf, Obstflächen, Stallflächen, Wiesen um das Haus, die sagen, dann kannst du das klass bewirtschaften und geht mit der Arbeit zusammen, ist vereinbar“, so Neuhold. Mit Rindern wäre das kaum mehr machbar gewesen. Das Schaf bot diesen Betrieben eine Perspektive, den Hof weiter zu bewirtschaften und damit zugleich die Kulturlandschaft und Kulturgut zu erhalten: „Da merkt man halt, was die vielen kleinen Betriebe für einen wertvollen Beitrag leisten für den Tourismus auch, für die Landschaftserhaltung, für die Pflege der Kulturlandschaft. Und auch, dass die bäuerlichen Familien dort auch erhalten bleiben, weil wenn der einmal den Stall zusperrt, der tut nie mehr Viecher rein. Und was da alles verloren geht an Brauchtum und so, dessen muss man sich auch bewusst sein.“ Auch in benachbarten Almenregionen, auf der Teich- und Sommeralm, so Neuhold, könnten bald Schafe zum Einsatz kommen, wo absehbar keine Rinder mehr weiden – wo Almen zuwachsen, Kulturlandschaft verwildert. Die Schafhaltung in extensiven Lagen, mit positiven Effekten für kleinstrukturierte Landwirtschaft und Kulturlandschaft erweist sich also als Zukunftsmodell, das weit über die Region ausstrahlt.

Bei alledem hat auch der Genossenschaftsgedanke nicht gelitten – auch darin sind die Weizer Schafbauern, im Vergleich zu anderen, die sich von ihrem Grundgedanken längst verabschiedet haben, ein Vorzeigemodell. Die Grundlage für den starken Zusammenhalt bildet laut Neuhold die gemeinsame Lage: die gemeinsame kleinräumliche Lage, aber auch die gemeinsame Interessenlage der bäuerlichen Mitgliedsbetriebe – und dann natürlich auch die gemeinsame Geschichte, was man alles zusammen aufgebaut und auch durchgemacht hat: „Das hat dich so zusammengeschweißt. Das ist schon besonders“, so Neuhold. Dazu gehört auch, die privaten wirtschaftlichen Interessen zurückzustellen. Neuhold erzählt dazu eine Anekdote aus der Anfangszeit, als viele GenossenschafterInnen gerade in die Milchschafhaltung eingestiegen waren: „Da war zu viel Milch und der Absatz nicht so, wie wir es gebraucht hätten. Weil jeder hat dann geschaut, dass er wächst und voll Menge liefert und das war mit der solidarische Grund, dass der Schwiegervater als Obmann gesagt hat: Nein, er steigt da zurück, wir hören mit dem Melken auf, dass wir die Milchmenge reduzieren.“ Auf lange Sicht musste man Strategien finden, solche Interessenskonflikte künftig zu vermeiden. Eine Strategie war die interne Differenzierung – die Neuholds etwa stiegen daraufhin vermehrt auf Wollerassen um. Eine zweite, kollektive Strategie war die freiwillige Selbstbegrenzung der Genossenschaft, durch demokratischen Entscheid ihrer EigentümerInnen. Sie hatten erkannt, dass das Bestehen und die Identität der Genossenschaft – und damit die wirtschaftliche Existenz aller – nicht durch Wachstum, sondern am besten durch eine kontrollierte Weiterentwicklung gesichert werden konnte. Das bringt auch mit sich, dass nicht jedeR gleich Mitglied werden kann, sondern erst einmal auf eine „Warteliste“ kommt. Bei den MilchschafbäuerInnen gibt es beispielsweise aktuell 15, die im Vollerwerb über 6000 Hektoliter Schafmilch im Jahr produzieren. Erst wenn von denen jemand aufhört oder mehr Bedarf da ist, „dann schauen wir, dass wir wieder einen anderen aufbauen, das Bestehende schützen und nicht irgendwo niederfahren. Der andere Genossenschaftsgedanke ist ja: Viel Milch! Bei den Molkereien, nicht? Runter mit dem Preis!, auf Kosten der Bäuerlichen. Und das ist unser Zugang überhaupt nicht, weil wir sagen: Die, die dabei sind, sollen ihre Existenzen sichern können. Das ist unsere Verantwortung eigentlich.“

Alles in allem sind die Weizer Schafbauern eGen.mbh ein Vorzeigemodell dafür, was regionales UnternehmerIntum abseits ausgetretener Bahnen und gewohnter Denkmuster alles bedeuten und bewirken kann. Erstens zeigt es, wie unternehmerisch Bauern und Bäuerinnen agieren können – wie innovativ sie sein können, und dass Innovation zweitens gerade darin bestehen kann, vom Zeitgeist und „Fortschrittsdenken“ abzuweichen, Altbewährtes in eine nachhaltige Gegenwart zu übersetzen, in dem Fall aus dem „Auslaufmodell Schaf“ ein Zukunftsmodell zu machen. Drittens zeigt es, dass Kooperation – und zwar auch zwischen gleichartigen Betrieben, wenn sie demokratisch und solidarisch organisiert ist – viel mehr vermag als EinzelkämpferIntum und Konkurrenz. Viertens, dass man dafür nicht wachsen muss, sondern besser auf Selbstbegrenzung, Verbesserung und Entwicklung nach innen setzt – setzen muss. Fünftens zeigt es, dass man nicht unbedingt für einen Weltmarkt produzieren muss, sondern auch mit regionalem Absatz erfolgreich sein kann. Und schließlich zeigt das Beispiel der Weizer Schafbauern, dass Erfolg sich auch an den vielen anderen positiven Effekten für die Region bemisst, die mit einer solchen Art zu wirtschaften einhergehen – und die aus dem kleinen Stück Peripherie einen mutmachenden Zukunftsraum gemacht haben.
Zugriffe: 351