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kooperation

Als „Komplexitätsmanagerin“ bürstet Karin Magometschnigg die dominante Logik von EinzelkämpferIntum und Globalisierung gegen den Strich. Sie arbeitet mit dem, was vor Ort da ist – und das kooperativ. Das Gute mag ja nahe liegen, aber oft ist das schwer zu erkennen, oder auch schwierig umzusetzen. Diese Komplexität will gemanagt werden, damit Menschen zusammenkommen und auch erfolgreich zusammenarbeiten können. Als Komplexitätsmanagerin ist Magometschnigg so gesehen auch Kooperationsmanagerin. Ihr Geschäft ist es, kooperative regionale Geschäftsmodelle zu entwickeln und ein Stück weit zu begleiten. Dass sie in ihrem früheren Berufsleben Managerin in einem Großkonzern war, ist dabei sicherlich kein Schaden. Die Erfahrungen mit Komplexität und Kooperation, die sie dort gesammelt hat, überträgt sie nun erfolgreich auf den ländlichen Raum – eine Transferinnovation, mit der sie als Unternehmerin kooperatives UnternehmerIntum fördern will.

  Geplant war das so nicht. Persönliche Gründe führten Karin Magometschnigg wieder zurück aufs Land, ins heimatliche Mortantsch, ein Dorf in der Oststeiermark, unweit der Bezirkshauptstadt Weiz. Eben hatte sie noch im leitenden Management der österreichischen Post gearbeitet, 60 bis 70 Stunden pro Woche, hatte als kaufmännische Leiterin und Prokuristin das gesamte Filialnetz geleitet und umgebaut. Es war die Zeit der Teilprivatisierung und der Trennung der Bereiche Post und Telekom, eine Zeit der Umstrukturierung und Sanierung des Konzerns. Was Magometschnigg hier gelernt und angewandt hat, wie sie sagt, war der Umgang mit Komplexität, das feine Abwägen zwischen Wirtschaftlichkeit und Versorgungsauftrag, und schließlich die Bedeutung von Kooperation, zwischen Sparten im Konzern und mit externen PartnerInnen. All das sollte sie in ihrem künftigen, unverhofften Betätigungsfeld noch echt gut brauchen können.

Als Magometschnigg dann vor ein paar Jahren plötzlich wieder in ihrem Elternhaus einzog, reifte auch der Entschluss, hier vor Ort etwas zu unternehmen: „Ich habe mir gedacht: So, jetzt möchte ich hier leben und arbeiten. Und das war der Grund, warum ich dann begonnen habe, mich massiv mit dem Thema »Regionalentwicklung« zu beschäftigen: Was kann ich hier persönlich beitragen und was gibt es da überhaupt für Möglichkeiten und Chancen?“

In den 20 Jahren oder mehr, seit sie von daheim ausgezogen war, hatte sich doch einiges getan in der Gegend. Das letzte Wirtshaus im Ort war zu, andererseits war gerade im landwirtschaftlichen Bereich eine neue Generation herangewachsen, die vieles anders und auch besser machte – wenn auch häufig als EinzelkämpferInnen. Nach Magometschniggs Erfahrung lag da unglaubliches Entwicklungspotenzial brach. Das sollte fortan ihr Betätigungsfeld als Komplexitätsmanagerin werden.

Ihr Entschluss, etwas zu unternehmen, und ihre Liebe zum Kochen und Essen, wie sie sagt, ließen sie recht schnell Kontakte und Netzwerke knüpfen: „Weil nur zuhause zu sitzen, das funktioniert natürlich nicht. Ich habe dann begonnen, sukzessive in dem Bereich Landwirtschaft, regionaler Handel, Vermarktungsmöglichkeiten, die halt da sind, Menschen zu treffen, die dort aktiv sind. Und habe dann auch andere getroffen, die interessanterweise ähnliche Lebenswege haben, also lange in der Großstadt gewohnt haben und wieder am Land sind, und habe mich diesen Menschen auch verbunden und dann haben wir begonnen, hier so regionale Konzepte zu entwickeln.“

Eines dieser Konzepte sind die sogenannten „Genussbegegnungen“ – ein neuartiges Format, das regionale LandwirtInnen, GastronomInnen und EinzelhändlerInnen gemeinsam vor den Vorhang holt: Aus regionalen Zutaten wird ein fünfgängiges Menü für 50 Leute gezaubert, garniert mit persönlichen Geschichten und praktischen Informationen zu den Produkten, etwa wo sie zu bekommen sind. Der Rahmen ist bewusst klein gehalten, so Magometschnigg, weil es ihr darum geht, „wieder in Beziehungen zu kommen, die Menschen hinter den Produkten sichtbar zu machen und den Menschen, die in einer Gemeinde leben zu zeigen, wer denn da ist.“ Ein fünfgängiges Menü wird so zum Beziehungsstifter: „Ich glaube an diese direkte Verbindung von Produzent–Konsument“ – weil sie Wertschöpfung in der Region hält, und zwar bei den ProduzentInnen selber. Magometschniggs Ziel ist, dass letztlich 70% der Erträge bei ihnen bleiben sollen. Vor dem Hintergrund sind die Genussbegegnungen für sie zunächst nur „ein Schuhlöffel, ein Türöffner, um Produzenten kennenzulernen, die man dann für andere Projekte verbindet.“

Eines dieser anderen Projekte ist die Regionalisierung der Gemeinschaftsverpflegung an einer lokalen Volksschule. Angefangen hat man mit einer Klasse, im Vollausbau soll für alle 50 Kinder in der Nachmittagsbetreuung wieder frisch, saisonal und regional gekocht werden. Das hat zunächst positive Wirkungen für die Kinder, die gesund essen und einen Geschmack für regionale Nahrungsmittel entwickeln sollen. Darüber hinaus formuliert Magometschnigg das Ziel, „einen Arbeitsplatz zu schaffen für mindestens eine Köchin und die Produkte von ausschließlich regionalen Bauern zu verwenden. Und es geht auch darum, diese regionale Kreislaufwirtschaft wieder sichtbar zu machen und auch da die Leute zu verbinden, damit die das nach einem Jahr selber weiter machen.“

Das sind drei Grundanliegen, die Magometschnigg mit ihrer Arbeit verbindet: Sie möchte Arbeitsplätze v. a. für Frauen am Land schaffen, denn „wenn die Frauen gehen, dann ist es sowieso vorbei, weil die Kerninfrastruktur dann sukzessive verlorengeht. Und dieses große Überthema begleitet mich eigentlich bei all diesen kleinen regionalen Aktivitäten.“ Sie möchte die Wertschöpfung in der Region, bei den ProduzentInnen halten. Und sie möchte, dass Kooperationen entstehen, die über einzelne Projekte hinaus weiter bestehen, sich selbst tragen.

Magometschnigg sieht sich dabei v. a. als Wegbereiterin und Begleiterin – oder Komplexitäts- und Kooperationsmanagerin, wie sie es nennt. Sie stellt Verbindungen her, auf die man in der Routine des Tagesgeschäfts vielleicht nie gekommen wäre, oder die man nie genutzt hätte. Sie organisiert diese Zusammenarbeit, v. a. aber will sie Bewusstsein dafür schaffen oder „vorrechnen“, wie sie sagt, dass regionale Kooperation wirtschaftlich Sinn macht – als Geschäftsmodell, aber auch mit Blick auf die gesamte regionale Wertschöpfung, etwa bei der öffentlichen Beschaffung: „Ich will es immer vorrechnen und sagen: Schau mal, dann bleibt die Wertschöpfung wirklich beim Bauern. Wenn der sich keine Sorgen machen muss, wo er die Produkte hin verkaufen soll, wenn 70 % des Ertrages wirklich bei ihm bleiben und nicht 20% wie heute, dann lebt der ganz anders, dann hat der ein ganz anderes Risiko, dann wird der wahrscheinlich für sich selber einen Arbeitsplatz haben und auch für seine Familie, d.h. ich habe dann schon statt einen drei Arbeitsplätze geschaffen. Und dann in der Weiterverarbeitung zwei, und dann in der Logistik brauche ich dann vielleicht einen, der es ausführt oder zustellt direkt zu den Menschen. Und in Summe habe ich in der Region sechs Arbeitsplätze geschaffen.“

Ziel dabei ist immer das „kooperative UnternehmerIntum“, wie sie es nennt – weil es sich rechnet, aber auch, weil es entlastet und für alle Beteiligten mehr Sinn macht. Kritisch sieht Magometschnigg da etwa die Förderung von klassischen „Hofläden“. Diese würden die Mehrfachbelastung von BäuerInnen häufig noch verschärfen. Auch hier plädiert sie für kooperative Lösungen, und Magometschnigg arbeitet konkret auch gerade am Konzept für ein neues „Biozentrum“ in Graz – eine Kooperation von Stadt, Land, Landwirtschaftsschule Grottenhof (auf Basis von deren „Hofladen"), Ernteverband, einigen Bio-LandwirtInnen und einem externen Betreiber, die ein „Win-Win“ für alle Beteiligten, einschließlich der KonsumentInnen sein soll: „Also dort geht es auch darum, mit der Landwirtschaftsschule eine neue Form von Kooperation und unternehmerische Strukturen zu schaffen, dass das gelingt, dass dort wesentlich mehr Grazerinnen und Grazer einkaufen können zu vernünftigen Preisen.“

Magometschnigg spinnt den Gedanken des „kooperativen UnternehmerIntums“ aber noch weiter. Es soll nicht nur Bestehendes verbinden und dadurch verbessern, sondern Neues entstehen lassen – oder Altes wiederbeleben. Konkret denkt sie da etwa an Wirtshäuser wie das in ihrem Heimatort: „Ich möchte nicht zuschauen, dass das alles wegbricht. Ich verstehe, dass jemand für sich persönlich sagt: Ich kann das Gasthaus nicht mehr führen, es ist auch nicht attraktiv für meine Kinder, das weiterzumachen, weil ich häng' dann da jedes Wochenende drin und das ist familienfeindlich und man erwartet sich ganz was anderes vom Leben. Und ich sage: Ja, das stimmt, aber ich glaube dran, dass man auch ein Gasthaus ganz anders führen kann. Also warum nicht eine Genossenschaft gründen, um ein Gasthaus zu führen?“

Der Genossenschaftsgedanke ist für Magometschnigg der Schlüssel, um Wertschöpfung in der Region zu halten, aber auch notwendige Infrastruktur für ein gutes Leben am Land zu erhalten. Der Gedanke treibt sie an, und den Gedanken – dieses neue Denken – will sie bei sich am Land etablieren. „Das ist das kooperative Unternehmertum, an das ich persönlich so glaube, weil es weg ist vom Egoismus, der heute ganz stark – auch am Land – verankert ist. Und jetzt bin ich bei der Hürde: Das muss man zurückdrängen, in das Kooperative kommen, damit etwas Neues entstehen kann. Und das ist nicht die alte Wirtschaftswelt. Man macht gemeinsam etwas, nicht einer hat alles, sondern jeder hat genug, um gut leben zu können und es geht darum, am Ende des Tages Arbeitsplätze zu schaffen, die nachhaltig in der Region da sind.“

Der Glaube an den Wert und die Kraft der Kooperation, der Magometschnigg antreibt, kommt freilich nicht von ungefähr. Im Grunde macht sie genau das, was bei der Post auch funktioniert hat. Sie schafft die Rahmenbedingungen dafür, dass Kooperation gelingen kann. Die Herausforderung ist vielleicht noch größer. Was in Unternehmen mittlerweile selbstverständlich ist, verlangt außerhalb noch viel an Aufbau- und Überzeugungsarbeit – gerade am Land. Genau die Arbeit will Magometschnigg als Komplexitäts- und Kooperationsmanagerin leisten. Sie will Bewusstsein schaffen, ihr Wissen einbringen, Verbindungen herstellen – ganz unmittelbar möchte sie aber gelingende Projekte vor Ort etablieren, die sich skalieren lassen. Sie will den proof of concept antreten, könnte man sagen, dass es funktioniert und dass es Sinn macht, zu kooperieren.

Wenn es also Kooperation braucht, dann braucht es auch jemand, der sie herstellt – davon ist Magometschnigg genauso überzeugt: „Also das braucht es immer. Es braucht jemanden, der die Verbindungen herstellt.“ Und es braucht jemand, der daraus ein Geschäftsmodell entwickelt, glaubhaft vermittelt, dass es sich rechnet und auch aus anderen Gründen auszahlt, kooperativ zu wirtschaften. Das „kooperative UnternehmerIntum“, das Magometschnigg vorschwebt, braucht also auch UnternehmerInnen, die erfolgreiche Kooperation erst möglich machen – gerade in einem Umfeld, in dem UnternehmerIntum meist noch mit EinzelkämpferIntum, Konkurrenz und Erfolg auf einem globalen Markt verbunden wird. Komplexitäts- und Kooperationsmanagement, wie es Magometschnigg vorschwebt, setzt dazu einen Kontrapunkt: Es ist „unzeitgemäß“, als Innovation nicht nur seiner Zeit voraus, sondern auch an einer Zeitenwende. Und es arbeitet mit Ressourcen, die üblicherweise nicht „der Wirtschaft“ zugerechnet oder sogar als „unwirtschaftlich“ angesehen werden: Beziehungen, Kreisläufe, unerkannte Stärken, aber auch regionale Identität. Das bringt mit sich, dass es dafür (noch) keinen Markt gibt und dass die Bedeutung dieser UnternehmerInfunktion auch politisch noch nicht erkannt wurde. Karin Magometschnigg leistet ihre Arbeit in diesem Bereich noch häufig pro bono, finanziert zu einem kleinen Teil aus Förderungen, hauptsächlich aber durch ihren Brotberuf als Saniererin – aus Überzeugung. Sie macht aber auch klar, dass es Entwicklung in diese Richtung braucht, dass es Menschen braucht, die diese Entwicklung ein- und anleiten, und dass diese UnternehmerInfunktion auch politisch und wirtschaftlich anerkannt werden muss: „Ich setze mich da ein, weil mir das so wichtig ist und ich versuche, das zu zeigen, dass da etwas entsteht, das man verbreitern kann. [...] Ich sehe im Moment, dass weder die Bauern noch der Händler noch die Verarbeiter große Ressourcen haben, das zu bezahlen. Obwohl alle profitieren. Aber es ist halt ihr eigenes Geschäft so eng, dass die jetzt keine großartigen Budgets haben. Und da würde ich mir wünschen, dass es vielleicht auch solche Förderprogramme gibt, wo punktuell für den Anschub von dieser Verbindungsleistung es da Geld gibt, weil diese Verbindungsarbeit macht einen Sinn und hat auch einen Wert und kann bepreist werden. Und ohne dieses Verbinden kommt das einfach nicht zustande, weil das Tagesgeschäft jeden überrollt.“

So gesehen ist das Komplexitäts- und Kooperationsmanagement ein Beispiel für eine neue, „unzeitgemäße“ Form des UnternehmerIntums, die für ein neues Denken steht, darüber wie und wozu wir eigentlich wirtschaften – auch am Land.
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