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mostundjazz

Zwanzig Jahre lang stand der Fehringer Tierarzt Anton Eder als Initiator und künstlerischer Leiter hinter dem über die steirischen und sogar österreichischen Grenzen bekannten Festival Most & Jazz, das neben dem musikalisch hochwertigen Programm regionale Kultur und Kulinarik bietet, einheimischen und internationalen Gästen „familienfreundlich und ohne elitäre Barrieren“ [1] eine Bühne liefert und dabei für ständige Bewegung und Belebung der Region sorgt. Der regionale Unternehmer Anton Eder zeigte durch sein Engagement, wie entscheidend die Rolle einer impulsgebenden, dabei zur Kooperation anregenden Leitfigur ist und dass die Intaktheit einer Kulturlandschaft als wesentliche Grundlage für die (Re-)Vitalisierung, Identitätsstiftung und touristische Inwertsetzung einer Region erachtet werden muss.
GESCHICHTE

Am Anfang stand ein aus Wien aufs Land zurückgekehrter Veterinärmediziner, dem ein urbanes Phänomen abging: der Jazz. Um dem Wunsch, Livejazz zu hören und zu praktizieren, nachgehen zu können, war mindestens eine Fahrt nach Graz oder Wien vonnöten, da im eigenen Städtchen Fehring oder im Umkreis das Angebot fehlte. „Ja, und dann arbeitest du hier quasi in der Provinz, abseits der großen Städte und irgendwann denkst du dir: ich möchte das [den Jazz] eigentlich wieder machen.“ Zufällig hatte der damalige Bürgermeister von Fehring, Hans Kampel, ein passendes Anliegen, mit dem er an Eder herantrat: die Initiierung eines gemeinschaftsbildenden und -stärkenden Abends, an dem sich die Einwohnerinnen Fehrings einander abseits von ihren öffentlichen, beruflichen Funktionen vorstellen und kennenlernen konnten, indem sie beispielsweise ihre Hobbys präsentierten. Eder trommelte alte Bekannte zusammen, präsentierte sich und sein Jazz-Ensemble (SOKO Dixie) und stellte erstaunt fest: „Wir sind zwar am Land, aber es kommt Publikum, es kommen Menschen, denen das gefällt. Und Junggebliebene und Junge haben gesagt »Ma, des is lässig, dass es das bei uns auch gibt, ich muss nicht nach Wien und nach Graz fahren.«“ Aus dem Wunsch, dieses Erlebnis zu wiederholen und zu kultivieren entstand so zunächst die Konzertreihe Jazz in Fehring, zu der Eder über ein wachsendes Netzwerk immer neue Musiker einlud, in Fehring zu spielen. Daraufhin bat der damalige Tourismusobmann Walter Weinrauch Eder, ein Konzept zu entwickeln für ein eigenes Fest. Es gäbe zwar bereits Weintage und verschiedene Wanderangebote, aber es bräuchte noch etwas anderes, etwas in der von Eder eingeschlagenen Richtung. „Und dann ist mir eingefallen“, so Eder, „machen wir was unter dem Titel Most, Kulinarik. Meine ländlichen, landwirtschaftlichen Klienten [in seiner Profession als Tierarzt] die sollen was einbringen, die sollen Ideen entwickeln, ich habe ja gesehen, die können gut kochen, die können super Brot backen, die können Wein machen, die können Most machen. Da habe ich sie animiert, das weiterzuentwickeln, damit man das auch herzeigen kann, damit man das auf den Markt bringen kann. Und dann haben wir eben das Fest Most & Jazz entwickelt.“ Aus diesem kleinen Festl wurde im Laufe von nun mehr als zwanzig Jahren ein stetig wachsendes und sich weiterentwickelndes Festival, dessen künstlerische Leitung Eder nach dem 20. Jubiläum im Jahr 2018 abgab an Peter Wendler. Für sein Engagement erhielt Anton Eder 2019 den Vulkanland Sonderpreis für sein Lebenswerk.

PROBLEME UND LÖSUNGEN

Nachdem die Geschichte des Festivals kurz angerissen wurde, mag sich die Frage stellen: Lässt sich hier überhaupt von einer regionalen Problematik sprechen? War es nicht höchstens das Luxusproblem eines einzelnen, dessen Behebung nicht gezielt, sondern glücklicherweise auch zur Belebung der Region führte? Es mag in der Tat sein, dass Most & Jazz [2] nicht eine konkrete Lösung auf ein konkretes Problem war. Dieses Urteil wäre jedoch vor dem Hintergrund der Möglichkeit, dass Most & Jazz die Antwort auf eine Frage war, die sich damals noch nicht stellte, ungerechtfertigt. Mit anderen Worten: es mag in Fehring keinen akuten Leidensdruck gegeben haben, dem Most & Jazz Abhilfe schaffen sollte, das Fest und seine Folgen können aber als nachhaltig stärkende Vorbeugung betrachtet werden. Daher werden im Folgenden auch weniger spezielle Problemfelder umrissen als vielmehr die positiven Rahmenbedingungen, die durch Most & Jazz geschaffen und/oder gefestigt wurden, beleuchtet, deren Abwesenheit in anderen Regionen als Ursache diverser Missstände gesehen werden kann. Wir gehen dabei davon aus, dass sich der Erfolg von Most & Jazz und mithin für die Region aus zwei Faktoren speist, die hier bloß begriffliche Trennung finden, die indes ohne tatsächlichen Rekurs aufeinander als Erfolgsfaktoren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hinreichten, die also als zwei Seiten einer Medaille zu betrachten sind: Innovation und Kooperation.

Innovation: Zusammenschluss von Ideen

Wie lässt sich ein eingeschlafenes Städtchen beleben? Und warum sollten Jazzmusikerinnen oder Jazzbegeisterte ein Interesse daran haben, irgendwo im steirischen Vulkanland ein Fest zu besuchen? In einem Interview sagte Anton Eder einmal: „Ich sehe die urbane Kultur als Lokomotive, und hinten dran hängen die Waggons, in die Leute einsteigen können.“ [3] Anton Eders Leistung liegt erstens darin, dass er zwei Ideen auf kreative Weise zusammenbrachte: den Wunsch, die Vorteile des Lebens und Arbeitens am Land zu genießen, ohne sich dabei in seinen Grundbedürfnissen nach einem kulturellen Angebot eingeschränkt zu sehen. Da man das Rurale kaum in die Stadt bringen kann [4], muss man das Urbane aufs Land bringen (obschon Fehring formell gesehen natürlich eine Stadt ist). Dies allein ist eine innovative Leistung, da ein wesentlicher Bestandteil der Strukturschwäche ländlich peripherer Regionen nicht selten „die mangelnde Bereitschaft, über den Tellerrand zu blicken, und die geringe »Weltoffenheit und Innovationsfreude«“ wie „auch die mangelnde Toleranz Neuem gegenüber“ [5] darstellt. Dass auch Anton Eder zuweilen mit dieser zu ringen hatte, sie aber letztlich immer und nachhaltig zu bewältigen wusste, sei nur am Rande bemerkt. Der entscheidende Punkt ist hier der Aspekt der Leitfigur. Um einen Kraftakt dieser Größe, nicht weniger als das ins Werk Setzen einer soziokulturellen Infrastruktur zu meistern, kann die Organisation und Koordination – wenn auch keiner Führungsperson – so doch durch eine Leitfigur, die das Leitbild zumindest als impulsgebender Vorreiter repräsentiert, Beträchtliches leisten. In dieser Funktion trat Eder an Menschen heran, suchte, fand, importierte und adaptierte kulturelle Impulse von außen und regte gleichzeitig von innen heraus Menschen an, eigene Ideen zu entwickeln und sich einzubringen. So förderte er nicht nur junge Musikerinnen aus der Region, in dem er ihnen eine Bühne gab und sie mit Größen der Szene zusammenbrachte. Er schuf auch für zahlreiche Landwirtinnen eine Plattform, sich, das eigene Tun und die Produkte zu bewerben. Um nur ein Beispiel zu nennen, das sich in der Namensgebung niederschlägt: 1999, beim ersten Most & Jazz-Fest gab es bloß einen Bauern, der einen Most anbat, der sich guten Gewissens auf dem Fest ausschenken und vermarkten ließ. Durch den Erfolg des Festes stieg jedoch rasch die Qualität und Quantität des Mostes: „2004 wurde schon die Mostgruppe Caldera gegründet, Qualitätsmost auf höchstem Niveau. […] 2006 haben sich die Bauern von Steirermost, schon wieder eine Gruppe zehn Jahre jünger als die Caldera-Bauern, zusammengeschlossen. Wir haben jetzt Most in einer Hülle und Fülle auf einem Qualitätsniveau, das hätte dir vor zwanzig Jahren kein Mensch hier geglaubt. Da bin ich noch verlacht worden: »Dein Most, was du immer mit deinem Most hast…« Aber ich habe mir gedacht, der Wein ist eh schon gut, der pusht sich schon lange selbst. Aber der Most: wir haben so viel Apfelanbau, wir müssen ja aus diesem Nebenprodukt, das übrig geblieben ist in der Produktion, auch was Tolles machen. Und das ist, glaube ich, wirklich gelungen.“ Es muss hier unterstrichen werden, dass es hier nicht „bloß“ um die gezielte, innovative und nachhaltige Förderung der vorhandenen Ressourcen oder eines bestimmten Produktes geht, sondern dass dies als ein Anstoß zu betrachten ist, der weite Kreise zieht: nicht nur für Produzentinnen, die sich angehalten sehen, ebenfalls ein hochwertiges gebietsauthentisches Produkt zu erzeugen, sondern für die Region als Ganzes, der durch dergleichen Entwicklungen ein endogenes „Image“, eine „Positionierung“ zuteil wird.

Kooperation: Zusammenschluss von Menschen

Die Leistung Anton Eders liegt zweitens in seinem unermüdlichen Bemühen, Menschen zusammenzubringen. Beständig initiierte er inter- und intrakommunale Kooperation, pflegte und erweiterte Netzwerke und besorgte zahlreiche Sponsoren. So gelang es ihm, in gleichsam vertikaler Zusammenarbeit mit dem regionalen Marketing und Tourismus sowie mit politischen Vertreterinnen von Stadt und Land, außerdem in horizontaler Kooperation mit einerseits den Musikerinnen und anderseits Landwirtinnen, Gastronominnen und sonstigen Partizipantinnen den Erfolg des Festes Most & Jazz mit all seinen Aus- und Rückwirkungen nachhaltig zu sichern und Fehring und Umgebung zu einer Authentizität und Positionierung zu verhelfen, die wiederum zu einer Vitalisierung der Region führten. Indem Kommunikation und Kooperation als einziges Mittel zum Zweck der Kommunikation und Kooperation verstanden wird, ist der Rahmen gesetzt für eine lebendige Kultur, die unter diversen positiven Aspekten nicht zuletzt den Vorteil mit sich bringt, einen Anreiz für Menschen darzustellen, sich an einem bestimmten Ort niederzulassen. Von dieser Erfahrung berichtet auch Eder: „Da haben mir sehr viele bestätigt, sie hätten nicht in Fehring gebaut, wenn es nicht kulturell so einen Aufhänger gegeben hätte, mit dem sie sich identifizieren können, mit dem sie sich wohlfühlen. »Bei uns ist was los.« […] Es gehört eben nicht nur der Arbeitsplatz dazu, es gehört im Ort auch etwas dazu, was mich kulturell anspricht, was sich lohnt, dass ich am Abend da bin, dass ich am Abend weggehen kann zu einer Veranstaltung, eben wie Most & Jazz, oder über das Jahr zum Kulturverein Gerberhaus, wo Kabarett ist, wo es Ausstellungen gibt, wo es Musik gibt, und das in voller Breite und das wirklich gut angenommen und gut besucht wird. Und ich glaube wir bauen ja jetzt wirklich viel rund um Fehring. Es gibt Wohnungen und die sind gefragt. Und ich glaube, dass da das Kulturleben eine sehr große Rolle spielt. Dass ich mich entscheide, ich gehe in den Süden von Graz, da habe ich nur ein paar Autominuten oder ich fahre mit der Schnellbahn nach Fehring, weil da habe ich am Abend wirklich alles, was ich zum Leben brauche. Etwas Ruhe, etwas Grün, eine gute Gesellschaft und auch noch ein Kulturangebot. Dass ich nicht sagen muss: »Ich bin in der Pampa und da ist nichts.« Das stimmt nicht.“

ABSCHLUSS UND AUSSICHT

Die Mélange aus akteurzentrierter und zugleich querschnittsorientierter bottom-up Dynamik – mit anderen Worten einer Dynamik, die sich zusammensetzt einerseits aus der Initiation durch eine bestenfalls regional verankerte Leitfigur und andererseits der Motivation und Partizipation einer möglichst breiten Bevölkerung – ist ein, wenn nicht der wichtigste Erfolgsfaktor einer nachhaltigen regionalen Unternehmung wie Most & Jazz. Durch die innovative Verbindung verschiedener Topen wie dem ländlicher Raum, seiner Kulinarik und der urbanen Kultur sowie das Zusammenbringen und -arbeiten von Menschen auf allen Handlungsebenen konnte im Falle von Most & Jazz eine nachhaltige soziokulturelle Infrastruktur und damit eine langfristige Positionierung der Region ermöglicht werden. Die Rolle der Kulturangebote in einer Region kann nicht überschätzt werden. Die Intaktheit der Kultur auf bestenfalls allen Ebenen, das heißt der Ess- und Trinkkultur (Gasthäuser, Erntefeste, Messen), der schönen Künste (Theater, Konzerte, Festivals), der Freizeit- und Sportangebote (Schwimmbäder, Fußballplätze etc.) sowie auch ein Kirchen- und Vereinswesen, ist nicht nur wichtiger Faktoren für die Erhaltung der Region, weil sie Abwanderung teilweise einzuschränken oder zumindest den Zu- oder Rückzug nicht gänzlich unattraktiv erscheinen zu lassen vermag; da sie fundamental Kommunikation und Kooperation fördert und die Schaffung von Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätzen beeinflusst, ist die Intaktheit der Kultur vielmehr eine der Grundlagen für Lebensqualität und Überlebenskraft. Von der Evidenz dieses Umstandes wird überzeugt, wer sich das Städtchen Fehring und insbesondere das Fest Most & Jazz ansieht.

Quellen

– www.mostundjazz.com
– Nusser, E. (2018). Der Doktor hat den Jazz im Blut. In der Rubrik Steirer des Tages in der Kleinen Zeitung, abrufbar über: https://meinepaper.kleinezeitung.at/?issue=KLZ/20180907/GRAZ/article/0492E3F7-541E-41A3-BA3E-4EDC85431465
– Positionspapier aus der ARL, Nr. 77 (2008). Politik für periphere, ländliche Räume: Für eine eigenständige und selbstverantwortliche Regionalentwicklung. Hannover.

[1] www.mostundjazz.com: alle Folgenden Zitate, wo nicht anders ausgewiesen, entstammen entweder besagter Internetpräsenz, Flyern und Broschüren oder eigenen Aufzeichnungen meines Gesprächs mit Anton Eder am Dienstag, den 21.5.2019.

[2] Der Lesbarkeit wegen wird im Folgenden der Name Anton Eder nicht jedes Mal dazu gesetzt, obschon er immer dazu gedacht werden kann und sollte.

[3] https://meinepaper.kleinezeitung.at/?issue=KLZ/20180907/GRAZ/article/0492E3F7-541E-41A3-BA3E-4EDC85431465

[4] Es mag zwar neumodische urban villages geben, jedoch wird ein Veterinärmediziner in dergleichen Illusionsheterotopien neben vielem anderen vor allem Kundschaft vermissen.

[5] Positionspapier aus der ARL, Nr. 77: Politik für periphere, ländliche Räume: Für eine eigenständige und selbstverantwortliche Regionalentwicklung, Hannover 2008, S. 7.
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