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Der Indikatorensatz Wie geht's Österreich? wurde von der Statistik Austria anlässlich des Statistiktages 2012 präsentiert -- als "ein erster Versuch der statistischen Umsetzung der Empfehlungen der Stiglitz‐Kommission, sowie der Empfehlungen des Europäischen Statistischen Systems." ([1] : 18)

 

Selbstverständnis und Motivation

Wie geht's Österreich? versteht sich als "ein Instrument für das Monitoring von Fortschritt und Wohlstand in Österreich", das v. a. "Anstoß zu einer über das BIP hinausreichenden nationalen Debatte über die Entwicklung und den Fortschritt der österreichischen Gesellschaft" geben soll (ebd. : 16). Der Indikatorensatz wird regelmäßig gemeinsam mit dem BIP präsentiert und soll dieses mit Daten zum materiellem Wohlstand, Lebensqualität und Umweltentwicklung "ergänzen". Von Design und Strategie her wird der Indikatorensatz als "erster Versuch" der statistischen Umsetzung der SSFC - Empfehlungen und der Empfehlungen des ESS - Europäischen Statistischen Systems verstanden (vgl. ebd. : 18). Er soll im Vergleich zu den meisten anderen, viel komplexeren Systemen auf zentrale Schlüsselindikatoren fokussieren, deren Bedeutung sich einfach kommunizieren, allerdings auch durch ergänzende Indikatoren komplex abbilden lasse, um damit "der Bevölkerung präzise Informationen über den Entwicklungsstand der Gesellschaft und Politikerinnen und Politikern wichtige Entscheidungsgrundlagen zur Hand" zu geben (ebd. : 16).

 

Methodik

Der Aufbau des Indikatorensatzes und die Auswahl der Indikatoren folgen dem ESS - Europäischen Statistischen System auf Basis der SSFC - Empfehlungen und nachfolgenden Konsultationen und Diskussionen mit nationalen ExpertInnen, Institutionen und Ministerien. Angestrebt wurde ein günstiger "Trade-Off" zwischen wissenschaftlichen und politischen Ansprüchen -- im Hinblick auf die Relevanz der Indikatoren, Verständlichkeit und Kommunizierbarkeit, regelmäßige, rasche und zeitnahe Verfügbarkeit aus offiziellen Statistikquellen, die Ausgewogenheit zwischen subjektiven und objektiven Aspekten und internationale Vergleichbarkeit. Folgende "Schlüssel-" und "Subindikatoren" wurden letztlich in den Indikatorensatz aufgenommen (die "Subindikatoren" finden sich in der folgenden Aufstellung nach dem ">"):

A) materieller Wohlstand: Erklärtes Ziel dabei war, "von der Produktionsperspektive abzurücken" und -- trotz noch bestehender Datenlücken -- den tatsächlichen materiellen Lebensstandard einzelner Haushalte besser abzubilden und vergleichbar zu machen. Über die ESS-Empfehlungen hinaus wurden hier auch bereits Daten zum Arbeitsvolumen und zur Entwicklung hoher & niedriger Bruttoeinkommen unselbständiger Beschäftigter aufgenommen.

B) Lebensqualität: Aufgrund der Komplexität und Subjektivität dieser Größe wurde die Darstellung in einem zusammengesetzten Indikator "dezidiert abgelehnt" und wurden auch subjektive "Lebensbeurteilungen" verstärkt eingebunden. Ein Indikator zur "Lebenszufriedenheit" liegt für Österreich seit 2005 im Rahmen des nationalen EU-SILC-Survey vor -- daneben wurden hier Daten aus dem Mikrozensus und zur Zeitverwendung herangezogen.

C) umweltorientierte Nachhaltigkeit: Dieser Bereich wurde nach den Richtlinien und Prioritäten der Task Force „Environmental Sustainability“ der Eurostat Sponsorship Group konzipiert, welche die Verwendung von Umweltgesamtrechnungen empfiehlt und generelle Hinweise zu Aufbau der Indikatoren und Verbreitung der Informationen liefert, wobei "mangels klar definierter und etablierter statistischer Methoden zur Bewertung bestimmter Umweltphänomene ... Nachhaltigkeitsindikatoren bevorzugt werden, die auch in physischen und nicht nur in monetären Größen ausgedrückt werden." (ebd. : 12) Die drei Prioritäten der ESS wurden aufgrund der guten Datenlage und im Hinblick auf relevante EU-Strategien in fünf Dimensionen aufgeschlüsselt, denen jeweils drei Indikatoren zugeordnet wurden -- durch ExpertInnen-Konsultationen wurde u. a. auch der Name "Umwelt und Nachhaltigkeit" geändert:

Die Bewertungen der Indikatoren und ihres kurz- und langfristigen Verlaufs (ggf. im Hinblick auf einen offiziell vereinbarten politischen Zielpfad) erfolgten durch ein Gremium aus ExpertInnen von IHS, WIFO, WU & SERI. Dazu wurde eine fünfteilige, sehr anschauliche Bewertungsskala gewählt (von "Sonne" bis "Gewitterwolken"), um die Ergebnisse leichter lesbar und kommunizierbar zu machen. Der Indikatorensatz eignet sich zur interaktiven Aufbereitung der Information auf drei Ebenen: die Entwicklung einer individuellen Auswahl wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Messgrößen, die zeitliche Entwicklung und (sofern möglich) Analyse eines einzelnen Indikators, und Detailinformationen zu den jeweiligen Inhalten eines Indikators.

 

Aussagekraft

Der Indikatorensatz Wie geht's Österreich? vereint -- auf Basis der Empfehlungen der SSFC und des ESS -- einige zentrale Erkenntnisse der Debatte der letzten Jahre: den Perspektivenwechsel vom Output hin zum verfügbaren Einkommen der Haushalte, die stärkere Berücksichtigung von Verteilungsfragen und nicht-marktlicher Produktion, die umfassende Betrachtung von Lebensqualität mit einem objektiven "Befähigungs-Ansatz" und aus einer subjektiven Perspektive des "Wohlbefindens", die Berücksichtigung zentraler Indikatoren ökologischer Nachhaltigkeit und dabei der moderate Einsatz monetärer Daten aus den Umweltgesamtrechnungen und erste Ansätze einer "InländerInnen"-Perspektive, um ökologische "Auslagerungseffekte" zu erfassen -- wgoe bsp
und das alles in einer Weise, die nicht alle Daten zu einem abstrakten, methodologisch fragwürdigen und politisch wenig praktikablen "Superindikator" zusammenzieht, sondern sie in einem "dashboard" oder "Tableau" bewertet, zur Diskussion stellt und auch in ihren Zusammenhängen analysierbar macht (vgl. die nebenstehende Abbildung mit einigen exemplarischen Schlüsselindikatoren).

Die einzelnen Indikatoren erscheinen dazu auch großteils sehr aussagekräftig, wobei die Qualität der verfügbaren Daten noch häufig zu wünschen übrig lässt: Sie fehlen entweder praktisch vollständig (wie Daten zur Vermögensverteilung), sie werden zu selten erhoben (wie Daten zur Zeitverwendung) oder sie sind veraltet (wie Daten zur Qualität sozialer Beziehungen). Ein Problem, das in allen Alternativen zum BIP noch kaum Beachtung findet -- aber hier zumindest kritisch angesprochen wird -- ist die Externalisierung von ökologischen und sozialen Kosten, die sich aus einer strikten "Inlands-Perspektive" ergeben. Hier will man künftig "die materiellen Vorleistungen der Importe und Exporte berücksichtigen und damit auch Auslagerungseffekte erfassen" (ebd. : 18)

 

Praxis

Der Indikatorensatz Wie geht's Österreich? wird von der staatlichen österreichischen Statistikbehörde betreut und regelmäßig anhand aktuellster Daten gemeinsam mit dem BIP präsentiert. Die Statistik Austria versucht damit v. a. die öffentliche Debatte über die BIP-Problematik und wichtige alternative Zielgrößen für Wohlstand, Fortschrtitt und Nachhaltigkeit mit fundierter, aussagekräftiger Information voranzutreiben. Dazu sind die Auswertungen auch jeweils in interaktiver Weise für alle BürgerInnen auf der Website der Statistik Austria zugänglich gemacht. Damit wäre Wie geht's Österreich? tatsächlich -- trotz der vielen kleinen Mängel hinsichtlich der verfügbaren Daten -- schon jetzt ein sehr brauchbares politisches Instrument. Allein -- und das gilt allgemein für die gesamte Problematik der ungebrochenen Macht der "einen Zahl" -- fehlt der politische Wille (und natürlich auch der demokratische Auftrag), nationale Politik stärker und verbindlicher an echtem Wohlstand, Lebensqualität und Nachhaltigkeit auszurichten.

 

Plus/Minus

+

-

 

Quellen

[1] Hintergrundbericht "Wie geht's Österreich?" >> ONLINE-DOKUMENT

[2] Statistik Austria -- Initiativen zur Fortschrittsmessung >> OFFIZIELLE WEBSITE

Kategorie: BIP. Kritik & Alternativen
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